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Der
Fürst der Walachei war selbst für seine Zeit als grausam bekannt
und erfüllte alle Vorbedingungen für eine Spontanumwandlung in einen
Vampir: Er war extrem böse, und er hatte ein "nicht zu Ende gelebtes"
Leben. Geboren wurde er wohl 1431 in Sighisoara (Schäßburg) in Transsilvanien
(Siebenbürgen) als zweiter Sohn des walachischen Bojaren Vlad Dracul,
der seinen Beinamen gerade erst erhalten hatte: Er wurde beim Nürnberger
Reichstag im Februar 1431 von König Sigismund II. zusammen mit anderen
Adligen, darunter Oswald von Wolkenstein, in die erste Klasse des Drachenordens
aufgenommen. In Schäßburg lebte Vlad Dracul im Exil; erst 1435 gelang
es ihm, Alexander, den Woiwoden der Walachei, zu stürzen und als Vlad
II. Dracul den Thron zu besteigen. Die Walachei war Spielball zwischen Türken
und Ungarn; durch eine geschickte Schaukelpolitik konnte Vlad Dracul 12 Jahre
lang sich die Herrschaft und seinem Land die Unabhängigkeit bewahren.
1441 gab er seine zwei jüngeren Söhne als Geißeln an den Hof
des türkischen Sultans; dort lernte der junge Vlad die Grausamkeit als
Mittel der Politik kennen und lieben. 1447 wurden Vlad Dracul und sein ältester
Sohn Mircea von den Türken erschlagen, ein ungarntreuer Woiwode folgte.
1448 gelang es Vlad Draculea (Draculea = der Sohn des Drachen) als Vlad III.,
mit türkischer Unterstützung den walachischen Thron zu erobern, doch
wurde er nach ein paar Monaten wieder vertrieben. Es folgten unruhige Wanderjahre,
ehe Vlad 1456 mit Unterstützung der Ungarn und der Siebenbürger Sachsen
den Thron eroberte. In den 6 Jahren seiner Herrschaft erwarb er sich einen
Ruf als extrem grausamer Fürst: Er ließ Gesandten die Hüte
am Kopf festnageln, viele Tausend von Leuten pfählen (auf die grausame,
langsame orientalische Weise mit eingefettetem, abgerundetem Pfahl im After),
trank das Blut seiner Opfer, tötete mindestens eine seiner Frauen und
eine Mätresse, "beseitigte" die Armut, indem er die Armen verbrannte,
und zwang die Zigeuner zum Kriegsdienst, indem er sie vor die Wahl stellte,
gegen die Türken zu kämpfen oder ihre eigenen Kinder zu verspeisen.
Erst im Frühjahr 1998 wurde in St. Gallen (Schweiz) eine mehr als 500
Jahre alte Handschrift entdeckt, in der über den erzwungenen Verzehr gebratener
Menschen berichtet wird. In dem zwischen 1460 und 1470 verfaßten Text
schildern zwei Mönche, wie Tepes 300 Sinti und Roma festnehmen ließ,
um drei von ihnen am Spieß zu braten. Die übrigen hätten diese
dann essen müssen. Herrschaft durch Schrecken war Tepes' Devise, und er
brachte es darin zu einer selten wieder erreichten Perfektion. Schon sein Beiname
erweckte Furcht: "Dracul" wurde abgeleitet vom lateinischen draco
(Drache). Aber im Rumänischen bedeutet "drac" "Teufel"
(das Suffix -ul ist der bestimmte Artikel)! 1462 wurde Vlad durch eine Intrige
der Sachsenstädte gestürzt und für fast 15 Jahre in Budapest
und der am Donauknie gelegenen Burg Visegrad eingekerkert. Er konvertierte
zum Katholizismus, um eine Verwandte des ungarischen Königs heiraten zu
können, und soll in der Gefangenschaft Mäuse und Vögel gepfählt
haben. 1476 wurde er wieder zum Woiwoden ernannt und die Walachei ein letztes
Mal zum Bollwerk gegen die Türken. An Silvester 1476/77 wurde Tepes in
seiner Hauptstadt Tirgoviste von den Türken entweder im Kampf erschlagen
oder hinterrücks ermordet, ohne Beichte und Sakramente. Sein Kopf wurde,
in Honig konserviert ("kandierter Vlad"), an den Sultan gesandt,
sein Körper soll im Kloster Snagov nahe Bukarest beigesetzt worden sein
- als man das Grab in diesem Jahrhundert öffnete, war es allerdings leer.
Die offizielle rumänische Geschichtsschreibung vor allem der Ceaucescu-Ära
feierte Vlad Tepes als großen Staatsmann, Feldherrn und Patrioten - in
einem offiziellen Prospekt wurde der Bau eines Staudamms mit dem Bau seiner
"Adlerfestung" Poenari verglichen. Heute ist seine Einschätzung
sehr unterschiedlich: vom deutlich artikulierten Wunsch nach einem solch harten
Herrscher bis zur Verdammung als Schande Rumäniens. Für einen Vampir
wurde Tepes übrigens nie gehalten. Erstens gab es Vampire damals noch
gar nicht, und außerdem ist ein Vampir ohne Kopf kaum vorstellbar...
Zum Vampir machte ihn erst Bram Stoker - und Coppola in seinem Film, in dem
allerdings an der Gestalt des Vlad Tepes fast nichts stimmt. Nach Angaben der
britischen Zeitschrift "Daily Telegraph" hat übrigens eine Nachfahrin
von Tepes den deutschen Ottomar Berbig adoptiert, der sich seither "Vlad
Dracula Prinz Kretzulesco" nennt. Im Oktober 2000 sorgte der 60-Jährige
für Schlagzeilen, als er ankündigte, Deutschland wegen der Bedrohung
durch Neonazis verlassen zu wollen."Dracula" ist der Titel eines
Ritters des Drachenordens, dessen Signet hier abgebildet ist: ein gekrümmter,
sich selbst in den Schwanz beißender Drache (Uroborus).Zur ersten Klasse
dieses "ordo draconis", auch "societas draconia" oder "ordo
draconia" genannt, gehörten so erlauchte Herrschaften wie Vlad Dracul,
der Vater von Vlad Tepes, oder Oswald von Wolkenstein. Der Ritterorden wurde
1418 gegründet von Kaiser Sigismund II. (Sigismund von Luxemburg, 1368-1437,
Markgraf von Brandenburg 1378-1388, ungarischer König ab 1387, deutscher
König ab 1410, böhmischer König ab 1436, Kaiser ab 1433) zur
Bekämpfung der Osmanen und der "im Verborgenen wütenden Christen",
also vor allem die Hussiten. Motto des Ordens war: "O wie barmherzig ist
Gott, wie gerecht und fromm" - eine Ironie, wenn man bedenkt, daß
der berühmteste aller Blutsauger und Vampire, Dracula, indirekt diesem
Orden seinen Namen verdankt. Draculas Geist kreuzt die Wege der Reisenden Schäßburg
(gms) - Furchterregend knarzt die Tür, die alten Dielen ächzen und
stöhnen, der Wind pfeift unbehaglich durch das alte Gemäuer. Und
dort oben, im zinnenbesetzten Turm des Schlosses, flattern da nicht pechschwarze
Fledermäuse? Für den Hauch einer Sekunde jagt dem Besucher ein Schauer
des Grauens den Rücken hinunter - fragt er sich schließlich, ob
nicht doch etwas dran ist an der Dracula-Legende, die Bram Stoker 1897 in seinem
Vampirroman niedergeschrieben hatte: "Da stand das Schloß in all
seiner Größe, tausend Fuß hoch auf dem Gipfel eines steil
ansteigenden Kegels, von den Bergen rundum durch tiefe Täler getrennt:
ein wilder und unheimlicher Anblick!" Genau diesen Eindruck vermag die
Törzburg - rumänisch: Bran - im südlichen Bogen der Karpaten
tatsächlich zu bieten. Majestätisch thront sie auf einem Felsen,
ist verwinkelt und verwunschen, wild und unheimlich, und von oben geht es steil
bergab. Und sie liegt mitten in Siebenbürgen, das die Rumänen Transsilvanien
nennen, was soviel heißt wie "hinter den Wäldern". Allein:
Eine Dracula-Burg ist die Törzburg nie gewesen. Daran ändern auch
die Souvenirbuden am Fuße des Gemäuers nichts, in denen alte Frauen
Dracula-Strickpullover und T-Shirts mit Fledermausdekor feilbieten. Was die
Scharen amerikanischer und japanischer Touristen mit begeisterten "Aahhs"
und "Oohhs" quittieren, die Einheimischen mit einem vielsagenden
Grinsen. Denn die Bewohner des Dorfes Bran wissen nur zu gut, daß das
Schloß, das sich da über ihren Häusern erhebt, weder mit der
Romanfigur noch mit dem historischen Dracula etwas zu tun hatte. Erst in den
70er Jahren entstand hier die Legende vom Stammsitz der Vampire. Damals öffnete
sich das kommunistische Rumänien westlichen Touristen, und die Genossen
wollten mit einem echten Dracula-Schloß aufwarten. Da Bran so aussah,
wie man sich ein Dracula-Schloß gemeinhin vorstellt, verordneten Ceausescus
Schergen dem Gebäude kurzerhand sein gruseliges Image. Wer Bram Stokers
Buch gelesen hat, wird wissen, daß das Romanschloß ein paar hundert
Kilometer weiter nördlich liegt, in der Nähe des Städtchens
Bistritz am Borgo-Paß. Pech bloß, daß sich auch hier weit
und breit kein standesgemäßes Dracula-Gemäuer fand. Jedenfalls
bis in die 70er Jahre. Wiederum wußte die kommunistische Partei Abhilfe
- und ließ einen Hotelklotz mitsamt Betonturm und Gruft-Imitat hochziehen.
"Castelul Dracula" heißt das Ding, das aus der Ferne betrachtet
immerhin an ein mittelalterliches Gemäuer gemahnt. Steht man davor, versprüht
es unverkennbar sozialistischen Charme, was zwar auch schauerlich ist, aber
eben nicht auf Dracula zurückgeht. Im Inneren des Plattenbaus gibt man
sich alle Mühe, eine authentische Atmosphäre herbeizuzaubern, mit
blutroten Teppichen und einer Totenkammer, in der eine Ratte über einem
leeren Sarg baumelt. Dazu wird Blutsaugerkitsch angeboten. Trotz des dilettantisch
inszenierten Schreckens kommen mehr und mehr Touristen ins Land, auf der Suche
nach dem Blutsauger-Mythos. Der hat inzwischen sogar das Rumänische Touristenamt
veranlaßt, eine Dracula-Broschüre herauszugeben, die auch auf deutsch
zu haben ist. Viel erfährt man darin nicht, immerhin soviel: Im 15. Jahrhundert
gab es in Siebenbürgen tatsächlich einen Namenspaten für die
Vampirfigur. Der war Fürst der Walachei, hieß Vlad Dracul und gehörte
dem Nürnberger Drachenorden an. Auf rumänisch heißt Drachen
Dracul, was den Beinamen des Fürsten erklärt. Der Sohn des Fürsten
hieß auch Vlad, wurde aber Draculea - kleiner Drachen - genannt. Draculea
hatte tatsächlich eine Vorliebe für Blut: Er ließ Gegner und
unbotmäßige Untertanen bei lebendigem Leib auf meterlange Pfähle
spießen. Im Laufe seiner Regentschaft soll der Walachenfürst auf
diese Weise Zehntausende beseitigt haben. Das brachte ihm den Beinamen Tepes
(sprich: Zepesch) ein - der Pfähler. Von Vlad Tepes bekam Bram Stoker,
der nie in Rumänien gewesen war, Wind. Damit war Dracula geboren. Stoker
"lieh" sich des Fürsten Lebenslauf aus, nicht ohne diesen mit
reichlich Blut bis zur Unkenntlichkeit zu verfremden. Abseits der vermeintlichen
Vampir-Schlösser gibt es in Siebenbürgen einige sehenswerte Orte,
in denen der "echte" Dracula gelebt hat. Zum Beispiel in Schäßburg
(Sighisoara). Die Stadt wurde im 12. Jahrhundert von deutschen Siedlern gegründet
und ist bis heute ein Zentrum der deutschen Minderheit der Siebenbürger
Sachsen. Die mittelalterliche Altstadt ist komplett erhalten, in den engen
Gassen zwischen windschiefen Giebeln und der mächtigen Stadtmauer scheint
die Zeit stehen geblieben zu sein, wären da nicht die allgegenwärtigen
Coca-Cola-Sonnenschirme vor den Gaststuben. Wahrzeichen von Schäßburg
ist der Stundturm mit einer Uhr, deren Zifferblatt einen Durchmesser von 2,40
Metern hat. Im Schatten dieses Turmes erblickte anno 1431 Vlad Tepes das Licht
der Welt, sicher zur Geisterstunde. Sein Geburtshaus steht bis heute und ist
nicht zu verfehlen - auf dem Vorplatz tummeln sich Souvenirverkäufer mit
Vampir-Kitsch. In dem Haus mit seinen fast meterdicken Wänden befindet
sich eine staatlich bewirtschaftete Gaststätte, in der zumindest das Bier
gut schmeckt. So richtig gruselig ist es hier indes nicht, eher schon auf dem
Friedhof der Stadt: Hier stehen altdeutsch beschriftete Grabsteine aus mehreren
Jahrhunderten. Wer mit einem der alten Deutschen spricht, die hier die Gräber
ihrer Ahnen pflegen, wird Mühe haben, ihren altertümlichen Dialekt
zu verstehen. Einige Jahrhunderte auf dem Buckel hat auch Kronstadt (Brasov)
am Fuße der Karpaten, rund 40 Kilometer von der Törzburg entfernt.
Heute hat die Stadt mehr als 300 000 Einwohner, von denen die meisten in Plattenbauten
wohnen. Dagegen ist die Altstadt gut erhalten. Die zum Teil frisch renovierten
Häuser schmiegen sich um den riesigen Marktplatz zusammen zu einem einmaligen
Ensemble, überragt von der Schwarzen Kirche, dem größten Gotteshaus
zwischen Wien und Istanbul. Die gotische Sandsteinkirche verdankt ihren Namen
einem Brand im Jahr 1689, seitdem ist die Fassade rußgeschwärzt.
Im Inneren fallen zahlreiche orientalische Teppiche auf, die farbenfroh an
den Wänden hängen. Die Schwarze Kirche besitzt in Europa außerhalb
der Türkei die größte Sammlung antiker Teppiche aus Anatolien.
Die geknüpften Schätze stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, sie
wurden von der reichen Kronstädter Kaufmannschaft gestiftet. In der Stadtchronik
von Kronstadt taucht auch Vlad Tepes auf. Der Walachenfürst hatte um 1459
versucht, Kronstadt einzunehmen - vergeblich. Allerdings fiel die Vorstadt
in seine Hand. Hier ließ er hunderte Bewohner in Sichtweite der Stadtmauer
pfählen, direkt daneben vergnügte er sich an einem Frühstück,
was ein historischer Stich belegt (oben). Meistersinger Michel Beheim, ein
Zeitgenosse des Fürsten, kommentierte dessen Vorliebe so: "Es war
sein Lust und gab ihm Mut, wenn er sah fließen Menschen Blut." Ein
Muß für Siebenbürgen-Besucher ist auch Hermannstadt (Sibiu).
Die Stadt hatte einmal den größten deutschen Bevölkerungsanteil
in Rumänien. Hier erscheint noch immer die "Hermannstädter Zeitung",
eine der drei deutschsprachigen Zeitungen des Landes. Die Blätter leiden
an massivem Leserschwund - die meisten Rumäniendeutschen, 1930 noch 800
000, haben sich längst nach Deutschland davongemacht. Nur rund 80 000
sind in ihrer Heimat geblieben. Hermannstadt mit seinen verwinkelten Gassen
und Plätzen strahlt noch immer K.u.K.-Charme aus. Geradezu in Habsburger
Zeiten zurückversetzt fühlt sich, wer im Hotel "Imparatul Romanilor"
("Römischer Herrscher") absteigt oder dort ein Essen einnimmt:
In dem Haus aus Zeiten der österreichisch-ungarischen Monarchie wird man
nicht nur freundlich bedient, sondern kann sich auch noch an lokalen Spezialitäten
und rumänischen Weinen laben. Für ein staatliches Haus ist das im
Rumänien von heute nicht selbstverständlich. Auch in Hermannstadt
kreuzt Dracula die Wege der Reisenden. Da es hier weder ein Vampirschloß
gibt noch ein Dracula-Geburtshaus, muß man auf banalere Schauplätze
ausweichen: auf Supermärkte, Kioske und Souvenirstände. Hier zwinkert
der Vampir dem Touristen zu, vom Etikett überteuerter Wein- und Schnapsflaschen.
Wenn er so auch nicht das Blut des Reisenden absaugen kann, so doch wenigstens
sein Geld.
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